Revue de mathématiques élémentaires - Rivista di matematica elementare
Zeitschrift zur Pflege der Mathematik und zur Förderung des mathematisch-physikalischen Unterrichts
Band 30, Heft 1, Seiten 1-4, 10. Januar l975
Im Kreisspital Samaden ist am 25. Juni 1974 Prof. Dr. Walter Saxer in seinem 78. Lebensjahr gestorben. Eine eindrucksvolle Persönlichkeit, ein hervorragender Lehrer und ein bedeutungsvoller Mathematiker ist mit ihm von uns gegangen.
Walter Saxer
wurde am 2. Dezember 1896 in
Stein (AR)
geboren. Sein Vater,
von Beruf Viehhändler, starb schon sehr früh, so daß seine
tüchtige Mutter durch den Betrieb einer Handlung auch für die
materielle Existenz von Walter und seinen Brüdern aufzukommen hatte. Nach
Besuch der lokalen Primar- und Sekundarschule trat Walter 1911 in die
Technische Abteilung der
Kantonsschule Trogen ein,
und schon fünf Jahre
später finden wir ihn als Studenten der
ETH an der Abteilung der
Fachlehrer für Mathematik und Physik. Seine Mathematiklehrer waren unter
anderen die Professoren
Grossmann,
Hirsch,
Hurwitz,
Meissner,
Pólya,
Weiss und
Weyl.
1920 erwarb er das Fachlehrerdiplom und war anschließend bis 1923
Assistent für Darstellende Geometrie bei
Prof. Marcel Grossmann.
1923 promovierte er mit der Dissertation
Über
die Picardschen Ausnahmewerte sukzessiver Derivierter.
Die Arbeit war unter der Leitung von Professor
George Pólya
entstanden. Es folgten eine kurze Tätigkeit als Experte beim
Eidgenössischen Versicherungsamt,
die Berufung als Hauptlehrer an die
Kantonsschule Aarau
im Jahre 1924 und dann das fruchtbare Studienjahr 1926/27,
in dem Walter Saxer dank einem Rockefeller-Stipendium an den
Universitäten
Paris und Göttingen,
den damaligen Zentren mathematischer Aktivität,
Vorlesungen und Seminare besuchen konnte.
Von 1927 bis 1966 wirkte Walter Saxer als Professor an der ETH in Zürich. Er gab alle die Jahre hindurch mathematische Grundvorlesungen für die Ingenieure, Mathematiker und Physiker. Zuerst war es die Darstellende Geometrie und nach 1936 die Analysis, im Vorlesungsverzeichnis damals einfach Mathematik genannt, die er in meisterhafter Art und mit Vorliebe einer möglichst großen Hörerschaft eindrücklich dozierte. Der Saxersche Stil war geprägt durch eine zutiefst empfundene Menschlichkeit, die in der Form des Witzes und des Humors auch abstrakten Begriffen immer wieder menschliches Leben gab. Kaum einen Studenten hat es gegeben, der durch diese glückliche Vorlesungsform auch in einem Auditorium von über 400 Hörern sich nicht persönlich angesprochen fühlte. Noch erstaunlicher war und bleibt aber die Leistung Walter Saxers bei den Prüfungen. Seine ETH-Kollegen schätzten, daß er in Vor- und Schlußdiplomexamina insgesamt 14000 Studenten geprüft hat. Daß er diese überlasteten Prüfungssessionen nicht nur überstand, sondern am Schluß noch die köstlichsten Anekdoten zu erzählen wußte, zeugt von seiner Freude am persönlichen Kontakt und seiner Leichtigkeit, die Studenten zu beurteilen. Walter Saxer wurde 1939 zum Rektor der ETH gewählt. Er ist bis heute der weitaus jüngste Rektor in der Geschichte der ETH geblieben. Im Gefühl der allgemeinen Bedrohung jener Kriegsjahre waren jeder Entscheid und jede öffentliche Rede ein Moment der Erprobung und Bewährung. Mit bodenständiger Gradlinigkeit hat Walter Saxer die ETH durch jene unsicheren Zeiten geführt und mutig politische Wahrheiten - gerne in mathematischer Terminologie - verkündet. Ein Beispiel aus einer Rektoratsrede: «Das Differenzieren der Konstanten bringt diese zum Verschwinden.»
Die anschließend an diesen Artikel gedruckte Publikationsliste gibt nur skizzenhaft das wissenschaftliche Schaffen von Walter Saxer wieder. Seine ersten Arbeiten, darunter auch seine Dissertation, beschäftigten sich ausschließlich mit funktionentheoretischen Problemen. Seine frühe Tätigkeit beim Eidgenössischen Versicherungsamt und das seither stets vorhandene Interesse der Erfassung versicherungstechnischer Probleme durch mathematische Methoden ließen ihn aber bald die große Bedeutung der in den 30er Jahren neu entstehenden Wahrscheinlichkeitsrechnung und der damit verbundenen mathematischen Statistik erkennen. Durch seine Vorlesungen über diese Gebiete begeisterte er viele junge Mathematiker, denen er dank seinen vielen internationalen Verbindungen zu Weiterbildungsmöglichkeiten in den USA, in England und in Frankreich verhalf. Auch seine Publikationen befassen sich denn seit den 40er Jahren vor allem mit Problemen der Wahrscheinlichkeitsrechnung sowie der Versicherungslehre und -technik. In der heutigen Zeit, wo die Bedeutung der Sterbegesetze nicht mehr den gleichen Stellenwert wie vor 30 Jahren hat, mag vielleicht das Saxersche Sterbegesetz vielen Versicherungsmathematikern nicht mehr bekannt sein; es dürfte aber auch heute kaum ein ernsthaftes Mitglied der Profession - zum mindesten deutscher Zunge - geben, welches die beiden Saxer-Bände Versicherungsmathematik (erschienen 1955/1958) in der Gelben Springer-Reihe nicht kennt. Insbesondere im zweiten Band hat Walter Saxer durch seine geschlossene Darstellung der Erneuerungstheorie und durch die Behandlung allgemeiner Versicherungsprobleme, welche den Rahmen der klassischen Lebensversicherungsmathematik übersteigen, der Entwicklung einer neuen, den Methoden der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung angepaßten Versicherungsmathematik den Weg gewiesen.
Walter Saxer war seinem Naturell entsprechend aber nicht nur versicherungsmathematischer Theoretiker; er war ebensosehr ein Praktiker des Aktuariats. So wurde er in den Nachkriegsjahren vom Bundesrat zum mathematischen Berater für Sozialversicherungsfragen ernannt. Er wirkte maßgebend bei der Entstehung der schweizerischen AHV mit und war während vieler Jahre ein gewichtiges Mitglied der AHV-IV-Kommission des Bundes (berühmte Saxersche Antwort auf die Frage, ob Herr Direktor Saxer des Bundesamtes für Sozialversicherung sein Bruder sei: «Biologisch unmöglich! Die Geburtstage liegen viereinhalb Monate auseinander!»).
Es mag erstaunen, daß Walter Saxer in den letzten Wochen nicht brav zuhause geblieben und deshalb in den Ferien vom Tode ereilt worden ist. Wer ihn gut gekannt hat, wird aber dankbar feststellen, daß Walter Saxer auch in seinen letzten Tagen sich treu geblieben ist. Wie konnte er doch im Spital nach seinem ersten Herzinfarkt ohne eine Spur von Selbstmitleid im spannendsten und fröhlichsten Saxer-Stil über seine Einlieferung berichten! Walter Saxer ist auch in den Tagen der Krankheit ein froher Mensch geblieben. Für uns, seine Kollegen und seine Schüler und für viele Menschen wird er als Glücksfall der Frohmut immer in Erinnerung bleiben.
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